Montag, 27. März 2017

Pannenreaktor Gundremmingen – Chronologie von Zwischenfällen

(Gundremmingen 27.03.2017) Er ist immer noch in Betrieb, der pannenreichste Atomreaktor Deutschlands. Die Prüfer der staatseigenen „Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit“ hätten für diese Aussage sogennante "Precursor"-Zwischenfälle ausgewertet. „Das sind Ereignisse, aus denen sich im Ernstfall ein Kernschaden oder eine Kernschmelze hätte entwickeln können." Zwischen 1993 und 2010 hat es in beiden Blöcken in Gundremmingen 14 (!) solcher Zwischenfälle gegeben, während sich in den restlichen Sieben Reaktoren zusammen 11 solcher Störfälle ereigneten (Spiegel 12/2015). In Gundremmingen, dem letzten in der BRD verbliebenen Standort mit zwei Siedewasserreaktoren, sind immer wieder Vorfälle zu verzeichnen. Im Jahr 2016 (25.03.2016 AZ) ereignete sich die Abschaltung wegen eines fälschlicherweise geöffneten Druckluftventils des Blocks A, während sich Block B in Revision befand. Dabei sollten doch laut Betreiber die Sicherheitseinrichtungen strikt räumlich getrennt sein. Das gilt aber offensichtlich nicht uneingeschränkt, denn in einem Ersatzkontrollraum war dies zumindest für die Druckluftsteuerung nicht der Fall. Die Maßnahme: Reaktorschnellabschaltung - wie in diesem Fall - bedeutet, dass man so schnell wie möglich die Kettenreaktion unterbricht, um eine mögliche Katastrophe zu vermeiden.
Im April 2016 wurde ein Computervirus (Malware: Trojaner) im System - das zur Lademaschiene der Brennstäbe gehört - entdeckt, der offensichtlich über einen infizierten USB-Stick eingeschleppt wurde (04/2016 AZ).
Dieses Jahr wurde ein sogenannten "Spiegelleck" (sichtbar nur wenn man einen Spiegel davor hält) mit Austritt von radioaktivem Dampf am 09.01.2017 gemeldet. Eine "geringfügige Undichtigkeit an einem Ventilgehäuse im Sicherheitsbehälter" wurde hierbei als Ursache identifiziert. Ebenso wurde bei der kurz zuvor abgeschlossenen Revision ein defektes Brennelement gefunden (01/2017 AZ). Und dann wieder schließt ein Ventil nicht (27.02.2017 AZ).
Doch nun zu dem interessantesten Vorfall im Jahr 2015. Am 05.11.2015 riss beim Umlagern eines Brennelementes Typ ATRIUM das Brennstabbündel vom Kopf mit Halterung ab und fiel in das Lagergestell. Dazu gab es mehrere „Kleine Anfragen“ im Bundestag und im Landtag in München, leider mit unbefriedigendem Antworten im Ergebnis. Zuletzt wurde mit mehreren Abgeordneten ein Ortstermin zur Klärung der Details abgehalten. Im Bericht der Augsburger Allgemeinen (AZ) vom 01.02.2017 war nur leider keine Rede vom oben genannten abgebrochenen Brennstabkopf. Insgesamt war es nach Darstellung der AKW-Betreiber eine "unglückliche " Kette von Ereignissen, d.h. Belastungen des Materials, das zum Bruch des Wasserkanals und damit zum Absturz des Brennstabbündels führte. Auch wenn nichts passiert ist, das eine Einstufung in die INES-Skale rechtfertigen würde, wie z.B. Austritt von Radioaktivität oder eine Gefährdung von Personen, so ist dennoch selbst nach fast 35 Jahren Betrieb noch mit Ereignisketten zu rechen, die nicht vorhersehbar waren und zu Unfällen oder Schlimmeren führen können.
Einen Ausblick darauf geben die Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Studie eines Gutachters (04.03.2017 AZ). Wie auch von vielen Organisationen oder Ärzteverbänden wird hier vor der Unbeherrschbarkeit des Reaktors bei möglichen Zwischenfällen gewarnt. Besonders die Sicherheitseinrichtungen sind hinsichtlich ihrer Auslegung bei Erdbeben oder ihrer Redundanz (Einspringen einer oder mehrerer Sicherheitseinrichtungen beim Ausfall der primären Maßnahme) nicht ausreichend. Ganz zu Schweigen vom Papierkram wie Nachweisen oder Betriebsgenehmigungen.
Dazu noch der Hinweis auf einen Störfall im Forschungsreaktor Halden in Norwegen, der eine radioaktive Wolke über Europa verursachte. Auch in Deutschland kam es im Januar 2017 zu einem radioaktivem Fallout (Niederschlag), wenn auch gering. Darüber wurde in der deutschen Presse leider nicht berichtet. Die Hinweise aus der (nichtdeutschen) Presse lassen auf einen Beinahe-Unfall, vergleichbar mit Tschernobyl oder Fukushima, schließen (Kernschmelze). Man muss leider jederzeit mit einem Unfall, radioaktiver Verseuchung und chaotischen Zuständen wegen fahrlässig, schlampiger Evakuierungspläne rechnen.
Selbst wenn – hoffentlich - nichts Größeres passiert, wohin mit all dem hochradioaktiven Müll, der muss immerhin für 1 Million Jahre sicher gelagert werden? (ea)